Pille absetzen – ein Leben ohne die Antibabypille (Teil 1)

Pille absetzen – ein Leben ohne die Antibabypille (Teil 1)

Nachdem das Thema “Pille absetzen” schon bei Instagram auf so großes Interesse bei euch gestoßen ist, habe ich mich dazu entschieden, meine Story etwas ausführlicher aufzuschreiben. Das Thema ist für mich so aktuell, da ich nach mehr als 10 Jahren Antibabypille nun das Bedürfnis nach einem Ende verspüre. Abgesehen davon nimmt der gesellschaftliche Diskurs immer weiter zu. Während man vor 10 Jahren noch ganz selbstverständlich die Pille einnahm, wird dies nun immer mehr hinterfragt. Die Notwendigkeit dafür ist groß, denn uns allen muss bewusst sein, wie extrem der Einfluss von Hormonen auf unseren Körper ist.

Der Einfluss von Hormonen auf unseren Körper

Wusstet ihr, dass ein Ungleichgewicht der Schilddrüse von Depressionen bis hin zu Suizid-Gedanken führen kann? Dieses kleine Organ produziert Hormone, die einen unwahrscheinlich großen Einfluss auf unseren Körper haben. Einerseits auf das Herz-Kreislauf-System und andere Organe, andererseits jedoch auch auf die Psyche. Sowohl eine Schilddrüsen-Unterfunktion als auch eine Überfunktion lösen ein psychisches Ungleichgewicht aus, das unser allgemeines Wohlbefinden enorm beeinflusst. Während eine Überfunktion zu Nervosität und Angst, Herzrasen, Müdigkeit und Schwäche führt, löst eine Unterfunktion oft Depressionen, Erschöpfung und Konzentrationsstörungen aus. Ein kleines Organ kann somit durch seine Hormonproduktion unseren ganzen Körper beeinflussen. Und genau DAS kann auch die Antibabypille.

Der Einfluss der Antibabypille auf unseren Körper

Ich war 13 als ich die Antibabypille verschrieben bekommen habe. Kurz zuvor habe ich meine erste Periode bekommen. Diese war so stark, dass die Schmerzen und der enorme Blutverlust durch die Pille reguliert werden sollten. Rückblickend kann ich heute dazu sagen, dass ich nicht verstehe, warum nicht erstmal nach der Ursache von so gravierenden Auswirkungen gesucht wird, statt das Problem einfach durch die Pille zu unterdrücken.

Vor der Einnahme der Pille hatte ich meine Periode bis zu zwei Wochen lang, starke Schmerzen bei denen nur Ibuprofen halbwegs geholfen hat und so starke Blutungen, dass ich einmal die Stunde den größtmöglichen Tampon wechseln musste. Das bedeutete natürlich auch, dass ich mir in der Nacht alle Stunde einen Wecker stellen musste. Nachdem mir die “Valette” (später Maxim) verschrieben wurde, änderte sich nur die Länge der Menstruation. Der Rest blieb bestehen. Ich habe die Pille mit 13 einfach genommen, ohne sie weiter zu hinterfragen. Irgendwie war es ja auch “cool”, dass man plötzlich erwachsen wurde.

Meine Erfahrungen mit der Antibabypille

Die Jahre vergingen und an der Stärke und den Schmerzen meiner Periode änderte sich gar nichts. Jede Menstruation wurde von Übelkeit, Rückenschmerzen, Beinschmerzen, Durchfall und kompletter Erschöpfung begleitet. Dafür hatte ich aber wenigstens kaum Probleme mit Pickeln, denn meine Pille sorgte für ein schönes Hautbild und volles Haar. Das alles ging ungefähr 5 Jahre so weiter und ich akzeptierte den monatlichen Zustand – ich wusste es nicht besser. Mit ungefähr 19 verschlimmerte sich dann alles. Meine Periode wurde noch schmerzhafter und vor allem wieder länger. Auf Anraten der Gynäkologin habe ich die Pille einfach 3 Monate durchgenommen, doch auch das änderte nichts. Über die folgenden 2 Jahre sollte ich immer stärkere und schlimmere Blutungen bekommen, sodass ich teilweise in meinem eigenen Blut stand und bis zu 10 Wochen am Stück blutete. Endlich wechselte ich die Frauenärztin und das Problem wurde angegangen.

Hormonstörungen, Gelbkörperhormone und eine Bauchspiegelung

Ich bin auf die für mich beste Gynäkologin gestoßen, die ich mir hätte wünschen können. Sie begleitet mich bis heute mit diesen Problemen und ich rate euch wirklich: Sucht euch eine Frauenärztin, der ihr vertraut. Da ich in einer Phase angekommen war, in der ich 6 bis 12 Wochen blutete und dazwischen nur maximal 2 Wochen Pause hatte, wurden viele Tests durchgeführt. Mein Eisenwert wurde stetig kontrolliert (und der war logischerweise katastrophal), ich wurde auf “Bluter” getestet, es wurden Gen-Tests gemacht und zu guter Letzt kam ich für eine Bauchspiegelung ins Krankenhaus. Parallel wurde auch eine Ausschabung der Gebärmutter durchgeführt, da diese von den ganzen Blut- und Schleimhautrückständen befreit werden sollte. Bei der Bauchspiegelung wurde auch nach Endometriose-Herden gesucht, die zum Glück damals nicht gefunden wurden.

Als ich 5 Tage nach der OP bei meiner Frauenärztin zur Nachkontrolle war, hatte sich meine Gebärmutter nach der Ausschabung schon wieder überproportional aufgebaut. Ab dem Moment war klar, dass (irgend)eine Hormonstörung vorlag. Da mein Gesundheitszustand zu diesem Zeitpunkt durch den Blutverlust jedoch einfach nur noch katastrophal war, entschied meine Gynäkologin, meinen Körper erstmal in eine Art “Scheinschwangerschaft” zu versetzen. Seitdem nehme ich täglich das Gelbkörperhormon “Chlormadinon”, welches meinen Zyklus vorübergehend lahmgelegt hat. Von da an hatte ich nie wieder Blutungen und konnte mich erstmal erholen.

Der Schock: Ein auffälliger PAP Abstrich

Natürlich wussten wir, dass dieses Hormon kein Dauerzustand ist – doch erstmal war ich froh, dass ich mich körperlich erholte. Ich musste 2 mal im Jahr kontrolliert werden und auch wenn die Ursache nicht gefunden wurde, erstmal wurde alles besser. (Vorab möchte ich jetzt sagen: Die folgende Zeit gehört zu meiner Geschichte, hat aber nichts mit der Antibabypille zu tun.)

Doch dann kam 2016 der große Schock. Das ist das erste Mal, dass ich öffentlich darüber rede.

Ich hatte irgendwie schon vor der nächsten Kontrolluntersuchung ein komisches Bauchgefühl. Eine Vorahnung, dass irgendwas nicht stimmte – was sich leider bestätigte. Kurze Zeit nach der Untersuchung bekam ich eine Nachricht meiner Frauenärztin, dass mein PAP Abstrich auffällig war und ich bitte schnellstmöglich in die Praxis kommen soll. Ich werde nie vergessen: Das war an einem Freitag. Ihr könnt euch vorstellen, wie mein Wochenende war. Am Montag saß ich dann vor meiner Frauenärztin, die mir erklärte, dass in meinem Abstrich vom Gebährmutterhals bösartige Zellen gefunden wurden. Diese bösartigen Zellen kamen durch einen Virus namens HPV (genau der Virus, gegen den man bei der Gebährmutterhalskrebs-Impfung vorgeht). Ihr könnt euch denken: Diese Impfung hatte ich nie.

Ich wurde auf die HPV-Gruppen getestet und leider stellte sich heraus, dass die Impfung gegen 2 meiner 3 vorhandenen Viren-Gruppen sowieso nicht gewirkt hätte und ich insgesamt 3 Highrisk-Gruppen habe. Das erklärte auch die schnelle und aggressive Entwicklung, denn zwischen meinem letzten und diesem Termin hatten sich die “Krebszellen” so schnell entwickelt, dass über einen sofortigen Eingriff nachgedacht wurde. Ich schreibe das Wort Krebszellen extra in Anführungsstriche, weil es sich hier um einen Prozess, eine Grauzone handelt. Es gibt nicht nur “Kein Krebs” – “Krebs” sondern es gibt noch einige Stadien dazwischen. Mein Stadium war an dem Punkt, dass man bei der nächsten Stufe von “Krebs im Anfangsstadium” gesprochen hätte – ich war also im Vorstadium.

Ein sehr langes und schlimmes Jahr

Diese Diagnose sollte mich die nächsten 18 Monate begleiten. Meine Frauenärztin riet mir, erstmal ruhig zu bleiben. Und das war das einzig richtige. Wir entschieden uns gemeinsam gegen einen sofortigen operativen Eingriff, da ich noch im Vorstadium war und eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestand, dass mein Körper (mit meiner Hilfe) die Zellen von alleine in den Griff bekommt. Bei einem Eingriff hätte ein Teil meins Gebärmutterhalses entfernt werden müssen, da die Zellen in den Eingang hinein und somit an einer ungünstigen Stelle lagen. Ein verkürzter Gebärmutterhals hätte Probleme bei zukünftigen Schwangerschaften verursachen können. Aber wie gesagt, wir entschieden uns gegen eine OP und für eine Gebärmutterhals-Koloskopie (Spiegelung) alle paar Wochen.

Anfangs war dies sehr unangenehm, da sich die veränderten Zellen unter dem Einsatz von Essigsäure (brennt etwas) weiß verfärbten und ich die Problemstelle auf dem Bildschirm immer mitverfolgen konnte. Das schlimmste war viele Monate die Ungewissheit, welche mir Anfangs viele Sorgen, Tränen und schlaflose Nächte bereitet hat. Dort waren böse Zellen, die ich nicht in mir haben wollte, aber so schnell auch nicht los wurde. Eine Ungewissheit darüber, ob der Körper und das Immunsystem es alleine schaffen oder durch nur eine weitere Stufe eine OP bevorsteht.

Irgendwann gewöhnte ich mich jedoch an diese Prozedur und auch an die Ungewissheit. Und um mich jetzt etwas kürzer zu fassen: Mit viel Ingwer, Sport, einer ausgewogenen Ernährung, einem gesunden Schlafrhythmus und (zumindest versucht) reduziertem Stress erzielte ich nach 10 Monaten erste Erfolge: Die PAP Stufen verbesserten sich. Und nach 18 Monaten kam die erlösende Nachricht: Meine PAP Stufe ist wieder auf 1. Trotzdem werde ich auch jetzt noch sehr oft gespiegelt, um auf Nummer Sicher zu gehen. Denn der Virus ist nach wie vor da.

Meine Psyche und Pille absetzen

Wie gesagt, auch wenn die Geschichte um den PAP Abstrich nichts mit der Pille zu tun hatte, passte es doch gut in den Kontext. Ein Punkt, an dem ich übrigens gemerkt hatte, dass irgendwas nicht stimmt, war dass trotz des Gelbkörperhormons leichte (und merkwürdige) Blutungen auftraten. Zuerst hatte ich bedenken, dass das Chlormadinon nicht mehr anschlägt. Doch das tat es, denn mit dem Heilungsprozess verschwanden auch diese merkwürdigen Blutungen wieder.

Schon vor der PAP-Problematik hatte ich lange Zeit Schwierigkeiten mit Ängsten und Panikattacken. (Was jedoch auch auf meine Vergangenheit zurückzuführen ist – anderes Thema!) Irgendwann fiel mir auf, dass meine erste Panikattacke jedoch 12 Wochen nach der ersten Einnahme des Gelbkörperhormons auftrat. Außerdem hinterfragte ich, auch aufgrund der zunehmenden öffentlichen Diskussion, die lange Einnahme von Hormonen immer mehr. Ich redete mit meiner Frauenärztin darüber und auch sie war der Meinung, dass wir die komplette Unterdrückung meines Zyklus langsam beenden sollten. Also entschieden wir uns, das Chlormadinon in diesem Herbst abzusetzen.

Je mehr ich mich darüber informiere, desto weniger kann ich verstehen, warum ich mich nicht schon viel früher mal mit dem Thema auseinander gesetzt habe. Genau so wie die Schilddrüsenhormone können natürlich auch die Hormone durch die Pille unseren Körper und unser Wohlbefinden verändern. Ich halte es mittlerweile gar nicht mehr für unwahrscheinlich, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Pille und meinen Panikattacken gibt. Im Internet sind so viele Erfahrungsberichte von Frauen nachzulesen, welche die Pille abgesetzt haben. Die Unterschiede sind genau so gravierend wie auch verschieden. Dem Großteil ging es psychisch besser, sie haben ihren Körper wieder mehr gespürt und hatten ein größeres emotionales Wohlbefinden. Allerdings wird auch häufig über ein sehr schlechtes Hautbild, Haarausfall und schmerzhafte Perioden berichtet, gerade in den ersten Monaten.

Ich werde die Pille absetzen

Fest steht: Ich werde die Pille absetzen. Eigentlich hatte ich mich gemeinsam mit meiner Frauenärztin für Ende September entschieden. Der Grund: Dort endet meine Pillenpackung und der Sommer ist vorbei. Gerade an 30 Grad heißen Tagen kann ich gut und gerne auf die zurückkehrenden Qualen, die mit meiner Menstruation verbunden sind, verzichten. Andererseits habe ich jeden Abend das Gefühl, dass ich die Pille einfach SOFORT nicht mehr nehmen möchte. Also kann es auch sein, dass ich mich schon vor Ende September für das Ende meiner Pille entscheiden werde.

So oder so werden wir meinem Körper 6 Monate Zeit geben, um sich zu regulieren. Sollten die starken Menstruationsbeschwerden bestehen bleiben, werde ich Anfang nächsten Jahres an Hormonspezialisten überwiesen. Diese werden mein Problem mal ganz genau untersuchen. Einerseits habe ich Angst davor, dass die langen Blutungen und die starken Schmerzen wiederkommen. Andererseits freue ich mich schon sehr darauf, die zusätzlichen Hormone abzusetzen, damit mein Körper in einen natürlichen Zustand kommt.

Fakt ist: Man sollte sich schon sehr früh viel besser über das gesamte Thema “Pille” informieren und mit allen Vor- und Nachteilen auseinandersetzen. Denn Nachteile existieren nunmal. Fakt ist auch, dass Erfahrungsberichte und ein reger Austausch wünschenswert sind, denn wir alle sind mit den Themen Pille, Hormone, Depressionen, Ängste, Panikattacken, Kinderwunsch, Zellveränderungen und Menstruationsproblemen nicht allein!

Sobald ich die Pille abgesetzt habe und zwei Wochen vergangen sind, wird der zweite Teil zum Thema Pille absetzen mit allen Erfahrungen und Emotionen online kommen. Danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, um meine Geschichte zu lesen. Lasst mich wissen was ihr über das Thema denkt und was euch beschäftigt. Ich wünsche euch noch einen tollen Tag.

Hier kommt ihr zu meinem letzten Beitrag

7 Kommentare

  1. 06/24/2018 / 9:17 PM

    Ach du meine Güte, das ist ja eine heftige Geschichte! Ich hoffe, es wird alles gut verlaufen bei dir!
    Ich habe die Pille erst sehr spät angefangen zu nehmen (mit 23), daher steht mein Körper noch nicht so lange unter ihrem Einfluss. Ich fühle mich nicht schlecht o.ä., aber trotzdem spiele ich mit dem Gedanken, die Pille in 2 Jahren oder so abzusetzen. Einfach weil ich mir denke, dass man irgendwie nicht zu 100% man selbst ist, wenn da noch irgendwie zusätzliche Hormone unterwegs sind…

    Fühl dich gedrückt!
    Liebst, ina

    • Juli
      Autor
      06/25/2018 / 10:43 AM

      Vielen lieben Dank für deine Worte Liebes 🙂

    • Juli
      Autor
      06/25/2018 / 10:44 AM

      Und ich denke, dass es stimmt, dass man unter der Pille nicht ganz man selbst ist. Hormone haben einen starken Einfluss, stärker als man denkt. Ich wünsche dir einen tollen Tag <3

  2. 06/25/2018 / 8:48 AM

    Hallo Liebes!
    Danke für den tollen, ausführlichen und sehr persönlichen Beitrag. Ich nehme die Pille auch nicht mehr, weil mich das Thema (nicht zuletzt durch Instagram) einfach so sehr beschäftigte, dass ich nun auf zugeführte Hormone verzichten mag. Hatte ich auch schon überlegt, darüber zu schreiben. Nehme sie nun schon seit 1,5 Monaten nicht mehr. Da ich vorher jedoch eine östrogenfreie Pille hatte, war die Umstellung nicht ganz so schlimm.
    Dass du Gebärmutterhalskrebs hattest, ist echt erschreckend und tut mir sehr Leid. So eine Diagnose ist immer ein großer Schock aber umso besser, wenn es mit Hilfe des Abstriches immer so schnell gemerkt wird. Ich wünsche dir alles, alles Gute! <3 Danke für den spannenden Beitrag. 🙂

    Liebst Elisabeth-Amalie von Im Blick zurück entstehen die Dinge

    • Juli
      Autor
      06/25/2018 / 10:43 AM

      Danke dir meine Liebe, ich finde es gut, dass das Thema seit einiger Zeit öffentlich diskutiert wird… Ja, es war zwar immer noch nur im Vorstadium, aber es war trotzdem keine schöne Zeit <3
      Liebe Grüße an dich !

  3. 06/27/2018 / 10:02 AM

    Schön das du hier so offen und ehrlich über deine Geschichte zum Thema Pille berichtest. Ich hab sie damals einfach von heute auf morgen bzw. mit Ende der Monatspackung abgesetzt. Mir ging es durch die Pille jetzt nicht unbedingt schlecht, ich wollte meinen Körper aber nicht unnötig irgendwelche Hormone weiter zumuten.

    • Juli
      Autor
      06/27/2018 / 10:20 AM

      Danke für dein Kommentar Liebes, ich finde es so interessant wie viele die Pille von heut auf morgen abgesetzt haben. Die Entscheidung war sicher ganz richtig 🙂

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