Mittwochskolumne: Auslandsjahr in den Niederlanden

Heute starte ich eine neue Kategorie auf meinem Blog, die von nun an jeden Mittwoch erscheinen und eine sehr persönliche Note haben wird: Meine Mittwochskolumne. Aus diesem Grund beginne ich heute direkt mit einem für mich sehr persönlichem Thema, da ich euch ungeschönt von meinem Auslandsjahr und meinen Erfahrungen in den Niederlanden berichten werde. Bisher habe ich mich damit stark zurückgehalten, da ich nicht den Eindruck erwecken möchte, dass ich die Erfahrungen nicht zu schätzen weiß. Ganz im Gegenteil: Alles, was ich seit Januar gelernt habe, ist für mich lehrreich, prägend und somit Gold wert. Es war aber eben nicht immer einfach oder positiv, so wie wohl alles im Leben. Beginnen wir von vorn:

2016: Die Erwartungen an ein Leben im Ausland

Im Sommer 2016 sind mein Freund und ich das erste mal nach Tilburg gefahren, um uns die Stadt, in der wir potenziell ein Jahr verbringen werden, genauer anzusehen. Zu den Hintergründen: Aus fachlichen Gründen bot es sich einfach an, einen Teil des Masters an diesen Ort auszulagern, wenn man zusätzlich mal Auslandserfahrungen sammeln möchte. Da Tilburg nicht sehr groß ist, haben wir innerhalb dieser 3 Tage auch einmal die ganze Innenstadt inklusive der Uni gesehen. Wie der Zufall so will, wohnt eine alte Freundin meiner Mutter in Tilburg. Bei ihr konnten wir in diesen 3 Tagen schlafen. Sie hat uns einiges gezeigt und auch heute ist sie vor Ort eine große Unterstützung für uns. Der erste Eindruck war durchaus positiv. Zwar hat es viel geregnet, aber das hätte ja auch Zufall sein können. Und die Stadt wirkte nett und, was mir wichtig ist, belebt. Das war wenig verwunderlich, denn zu dieser Zeit fand die größte Kirmes Europas dort statt. Also reisten wir nach 3 Tagen mit einem guten Gefühl wieder ab, dass das Jahr 2017 in Tilburg wirklich grandios werden würde. Großer Fehler, denn es war illusorisch zu denken, dass für solch eine Einschätzung 3 Tage vor Ort gereicht hätten. Jedenfalls hatten wir bis Ende des Jahres alles Organisatorische und durch unsere Kontakte auch eine Wohnung sicher. Im Januar 2017 konnte es also losgehen: Ein Jahr in den Niederlanden!

Winter/Frühling 2017: Die Eingewöhnung

Der Umzug im Januar verlief relativ unproblematisch. Zum einen war es für diese Jahreszeit verhältnismäßig warm und zum anderen war unsere Wohnung möbliert. Der Abschiedsschmerz war hingegen groß, da ich ein sehr enges Verhältnis zu meiner Mutter, meinem Stiefvater und meinen engsten Freundinnen habe. Obwohl ich mich damit getröstet habe, dass die Niederlande nicht weit weg sind und wir aufgrund meiner medizinischen Versorgung (das wird mal eine andere Mittwochskolumne) regelmäßig wieder in Berlin sein würden, hat es wirklich wehgetan und viel Kraft und Tränen gekostet. Einfach und allein aus dem Grund, dass man einfach nicht mehr die Optionen hat. Man kann nicht, auch wenn man möchte. Das ist ein Punkt, der mich noch bis heute belastet.

Das beste Beispiel: Meine Mutter ist niemals krank, wirklich niemals. Aber natürlich genau in diesem einen Jahr, in dem ich in einem anderen Land wohne, kommt sie im Frühjahr völlig unerwartet als Notfall in eine Klinik. Im Endeffekt stellte sich zwar heraus, dass es relativ glimpflich war und mit einem kleinen Eingriff behoben werden konnte – aber trotzdem: In dem Moment, in dem ich erfahren habe, dass sie im Krankenhaus ist und ich in einem anderen Land festsitze, hätte ich durchdrehen können. Ich bin 2 Tage nur nervös durch die Gegend gelaufen, konnte mich auf nichts konzentrieren und habe mir viele Vorwürfe gemacht, dass ich nicht bei ihr bin und nichts für sie tun kann. Natürlich hätte ich fahren können, aber ich wurde von meiner Mutter gebeten nicht zu kommen, da sich die Sache schnell erledigt hatte und sie einfach nur noch Ruhe brauche, um sich zu erholen. Da wäre ich als überbesorgte Tochter verständlicherweise eher eine zusätzliche Belastung geworden. Also blieb ich in den Niederlanden und arrangierte mich damit, nichts tun zu können. Wo wir zu einer meiner wichtigen Erkenntnisse kommen: Man kann einfach nichts tun! Auch wenn man möchte, egal wo man ist: Ob Deutschland, Niederlande oder Timbuktu. Ich habe angefangen, mich damit auseinanderzusetzen, was ich für sie tun könnte, wenn ich vor Ort wäre: NICHTS! Ich würde um sie herumschleichen, 20 Mal am Tag fragen, wie es ihr geht, mir Sorgen machen und wahrscheinlich nerven. Konstruktiv wäre ich allerdings nicht gewesen, denn in dem Moment konnten ihr nur Ärzte und Ruhe helfen. Ich nicht! Und ich muss sagen, dass mich diese Erkenntnis um einiges weitergebracht hat, denn: Auch wenn man gerne möchte, gibt es einfach so viele Situationen im Leben, in denen man nichts tun kann und auf die man keinen Einfluss hat. Diese Erkenntnis, Dinge zu akzeptieren die ich nicht ändern kann, ist ein großer Gewinn für mein Leben, die ich meinem Leben im Ausland zu verdanken habe.

Der Winter-Blues

Ich denke, dass die ersten 2 Monate am schwierigsten für uns waren. Neues Land, neue Stadt, neue Sprache, neue Kultur und ein neues Klima. Die Norddeutschen unter euch kennen dieses regnerische und windige Klima sicherlich, mir als Potsdamerin/ Berlinerin war das aber eher fremd. Und sich ausgerechnet zwischen Januar und März, wo es dunkel, kalt und extrem nass ist, neu einzugewöhnen, hat das Frustrationslevel wohl um einiges gesteigert. Denn auch an gewohnten Orten ist die Zeit zwischen Neujahr und Frühling für mich wettertechnisch eine Belastung. Nach den ersten zwei Monaten und mit den ersten Sonnenstrahlen, den ersten Stunden draußen auf der Dachterrasse, längeren Tagen und immer mehr Gewohnheit an dem einst so fremden Ort, wurde es langsam aber stetig besser. Da man in den Niederlanden absolut auf sein Fahrrad angewiesen ist, konnten wir nun endlich auch die Gegend und das Umland besser erkunden, das wirklich schön ist und hübsche Orte zu bieten hat, wie schöne Kleinstädte oder alte Windmühlen-Cafés. Abgesehen davon ist es ein nicht zu vernachlässigender Vorteil, dass die Niederlande so klein sind, Tilburg nah an Belgien ist und man mit einem sehr günstigen Bahn-Tagesticket das ganze Land erkunden kann. So kam es, dass wir innerhalb von 4 Monaten Amsterdam, Utrecht, Den Haag, Scheveningen und Alkmaar erkundet hatten, was mir unglaublich gut gefallen hat!

Die Lebenshaltungskosten

Die restliche Eingewöhnung verlief jedoch auch nicht ganz reibungslos: Die Lebenshaltungskosten sind in den Niederlanden unerwartet höher, wodurch wir mit unserem eher geringen Studentenbudget mehr als je zuvor gut kalkulieren müssen. Hygieneartikel kosten hier locker das Dreifache und für 600 Gramm Hühnerfleisch zahlen wir bei LIDL 5 Euro. Das ist enorm. Klar: Wir können Hygieneartikel einkaufen, wenn wir zwischendurch in Deutschland sind, aber manchmal ist trotzdem etwas unerwartet leer. Und es kann auch frustrierend sein, ständig das gleiche zu essen, einfach weil mehr nicht im Budget ist. Auf der anderen Seite haben wir aber auch interessante kulinarische Erfahrungen gemacht: Der Käse ist hier wirklich extrem lecker! Und auch die süßen Dinge, wie der Pudding „Vanille Vla“ und die als „Hagelslag“ bezeichneten Schokostreusel sind eine kulturelle Erfahrung. Auch wenn ich nicht so der süße Typ bin.

Ich – eine Ausländerin

Eine weitere Erfahrung, die ich so noch nie gemacht hatte aber die definitiv meinen Horizont erweitert hat: Wir sind in den Niederlanden die Ausländer! Ich habe mich im Vorfeld überhaupt nicht damit auseinandergesetzt, es vor Ort aber klar zu spüren bekommen. Zu den eher witzigeren Erfahrungen gehört die Backkultur: Ich bin ein großer Fan des deutschen Graubrotes. Die Niederländer essen allerdings zum Großteil sehr weiches, eher toastartiges Brot. Hier ein Graubrot in der Konsistenz zu erhalten, in der ich es kenne, ist eine kleine Herausforderung. Was macht man also stattdessen? Mal niederländisches Toast essen und mal Brot selber backen! Bei Nachfrage in den Bäckereien und Supermärkten wurden wir sehr schnell als Deutsche entlarvt, was relativ lustig war. Eine Erfahrung, die mich wirklich traurig gemacht hat, war ein an unser Fenster gemaltes Hakenkreuz. Ja, richtig gelesen. Das war das erste Mal, dass ich tatsächlich realisiert habe, in den Niederlanden ein Ausländer zu sein. Und das erste und bis jetzt einzige Mal, dass ich Ausländerhass am eigenen Leib zu spüren bekommen habe. Die zweite Erfahrung, die ich als Ausländerin gemacht habe, war die Aussage eines Kommilitonen, dass er ja „wisse, dass noch viele Niederländer mit Deutschen nach wie vor ein Problem hätten, da viele Großeltern in den zweiten Weltkrieg verwickelt waren, es für ihn aber okay sei, dass wir Deutsche sind.“ Das war natürlich weniger schlimm als die erste Erfahrung, aber auch irgendwie komisch, da ich vorher noch nie in Verbindung mit dem zweiten Weltkrieg gebracht wurde. Trotzdem trage ich Verantwortung für unsere Geschichte und akzeptiere diese Einstellung.
Doch auch dies ist eine Erfahrung die ich gemacht habe und über die ich froh bin. Einfach mal die Perspektive wechseln, selbst ein Ausländer sein, sich anpassen, akzeptieren und arrangieren. Eine für mich unfassbare Erweiterung meines Horizontes!

Ohne Basis – wenn Reisen zur Anstrengung wird

Ein Punkt, der gerade mich sehr belastet hat, ist in diesem Jahr kein richtiges zu Hause zu haben. Wir wohnen in einer möblierten Wohnung, in der fast nichts von uns ist und wir wissen genau, dass wir nur ein Jahr hier sind. Mit diesem Wissen kommt man aber auch nie wirklich irgendwo an. Wozu auch, man geht doch eh bald wieder. Somit haben wir die meisten Umzugskisten gar nicht erst ausgepackt, was die Wohnung natürlich auch nicht heimischer macht. Aber es hätte sich einfach nicht gelohnt. Ebenfalls schwer fällt mir langsam das viele Reisen. Wir waren in diesem Jahr an so vielen Orten und haben so viel gesehen, was einerseits total toll war, aber durch die Masse auch zu einer extremen Anstrengung wurde. Wir haben viel aus dem Koffer gelebt und waren ständig unterwegs. Viele denken sich jetzt sicherlich: So viele Reisen, das ist doch toll! Ja, das kann es auch sein, wenn es Urlaube sind und man trotzdem noch ein zu Hause, eine Basis, hat. Aber nicht, wenn es eine Mischung aus den medizinischen Fahrten ist, bei denen man in der Heimat nur von Termin zu Termin hastet, um allem gerecht zu werden und ein „wir müssen mal aus Tilburg raus, um was zu erleben“. Letzteres ist natürlich unseren Charakteren geschuldet und wäre nicht notwendig. Da wir aber Großstadtmenschen sind, würde uns die Decke auf den Kopf fallen, wenn wir wochenlang nur in einer sehr kleinen Stadt sind.

Das Studentenleben

Ein letzter Punkt, auf den ich bezüglich der Eingewöhnungsphase noch eingehen möchte, ist das Studentenleben. Tilburg ist (das war uns vorher nicht bewusst), keine extrem internationale Stadt, wie es zum Beispiel Maastricht oder Amsterdam sind. Der Großteil der Studenten sind alteingesessene Niederländer, die nicht darauf angewiesen sind, Kontakte mit internationalen Studierenden zu knüpfen. Abgesehen davon ist es viel schwerer als Student etwas zu unternehmen, da auch in diesem Bereich die Preise höher sind. Für einen Kinobesuch zahlen wir zu zweit für die Karten 25 Euro. Wenn wir essen gehen kommen wir auf 50 bis 60 Euro. Ich denke, schon allein das ein Döner hier 6 Euro kostet, ist aussagekräftig. Aber natürlich hat auch das, wie alles, seine Vorteile. Man lernt, wie man es sich mit ganz wenig schön machen kann und man lernt zu improvisieren. Und was ich auch zu schätzen gelernt habe: Die deutschen Preise! Was meinen Freund angeht – er hat hier einen Einjahres-Master gemacht und sein Fazit ist, dass er das nie wieder tun würde. Das kann ich nur unterschreiben. Das Arbeitspensum eines Masters, den man innerhalb eines Jahres über die Bühne bringen muss, ist gigantisch. Vor allem, wenn man so wie er, einen sehr hohen Anspruch an seine Noten hat. Freie Wochenenden hatten wir nie und dazu kamen so einige schlaflose Nächte. Und wenn man sich dessen mal bewusst wird, kommt man zu dem Ergebnis: Das ist es einfach nicht wert. Man braucht Freizeit, Auszeit und Entspannung, denn Karriere ist nicht alles. Somit sind die deutschen 2-Jahres-Master wohl doch etwas freundlicher als die vielen europäischen 1-Jahres-Master.

Sommer 2017 und Fazit Auslandsjahr

Über den Sommer hinweg sind wir ein paar Wochen aus Tilburg raus, um etwas Zeit in Ungarn und Deutschland zu verbringen. Das hat uns wirklich gut getan, denn so konnten wir mit etwas Abstand mal reflektieren und Revue passieren lassen. Wir haben erkannt, dass unser Auslandsjahr wohl genau so viele positive wie auch negative Seiten hat. Wir haben festgestellt, dass wir uns im Vorfeld noch viel besser hätten informieren müssen, in welche Stadt wir gehen. Und wir haben gesehen, wie viel wir gelernt haben. Noch mehr zusammengeschweißt hat uns das alles natürlich auch. Wir haben aber auch gesehen, dass man es überall schaffen kann. Und dass es auch immer darauf ankommt, was man draus macht und wie man sich arrangiert.
Die letzten drei Monate stehen nun an. Wir haben schon einen Mietvertrag für Deutschland unterschrieben, die Kisten sind ja zum Glück größtenteils noch eingepackt. In den letzten Tagen zeigt sich die Sonne sogar relativ oft, sodass wir die Zeit für Fahrradtouren nutzen, bevor das letzte Semester nächste Woche losgeht. Die Fahrradtouren, wie wir sie hier machen, werden mir in Deutschland fehlen. Und sicher auch einiges andere, was mir erst bewusst wird, wenn wir wieder in Deutschland sind. Andererseits freue ich mich aber schon wieder extrem darauf nach Deutschland zurück zu kommen. Am meisten freue ich mich jedoch auf unsere neue Wohnung, die einfach nur leer ist und komplett nach unserem Gusto eingerichtet wird. In der wir sesshaft werden, wurzeln und eine unbefristete Zeit verbringen werden. Die für uns einfach endlich ein richtiges zu Hause wird!

Hier ist er also. Mein ehrlicher Bericht über mein Auslandsjahr, ohne Schnörkel und Schleifchen. Dass das ganze Jahr genau so viele positive wie auch negative Seiten hat, ist unter Betrachtung der Realität wohl nicht ungewöhnlich, denn so ist es überall im Leben. Was allerdings ausschließlich positiv ist, sind die gesammelten Erfahrungen und was man gelernt hat, genau so wie die Erweiterung des Horizontes. Denn das alles sind Erfahrungen fürs Leben, die ich nicht mehr missen möchte!

Regelmäßige Berichte, Geschichten und Erfahrungen könnt ihr übrigens auch in meinen Wochenrückblicken lesen, wie auch auf Instagram und in meinen Stories!

Leben in Tilburg
Auslandsjahr in den Niederlanden

2 Replies to “Mittwochskolumne: Auslandsjahr in den Niederlanden”

  1. Hallo liebe Juli, das war ein ganz ganz interessanter Beitrag. Wie ich ja schon oft erwähnt habe, bin ich ja aufgrund der kurzen Distanz von NRW in die Niederlande mehrmals im Jahr für Tageatrips oder auch zum Zelten dort. Jedes Mal wenn ich da bin, bin ich so unsterblich verliebt in die ganze Architektur dort und wie schön die Straßen immer mit Blumen geschmückt sind usw. Oft denke ich dann „ach was wäre es schön, irgendwann mal nach Holland zu ziehen“ deswegen war der Post jetzt umso spannender für mich zu lesen. Ich fand es überraschend von diesem „Rassismus“ zu lesen, wie du hätte auch ich daran gar nicht gedscht bzw das nicht in Erwägung gezogen.. I h finde es schade, dass wir Deutschen noch immer so für unsere Geschichte büßen müssen, Erbschuld hin oder her, wir haben damit absolut nichts zu tun, also zumindest unsere Generation und ich finde es so langsam wirklich ein Unding, dass wir immer noch oft beschuldigt weWERDEN. Liebe Grüße <3

    1. Ja genau das denke ich auch, irgendwann sollten die Generationen nicht mehr verantwortlich gemacht werden, auch wenn wir trotzdem die Erbschuld tragen… Und ich denke, dass es immer etwas anderes ist, ob man an einem Ort Urlaub macht oder dann dort tatsächlich für eine gewisse Zeit wohnt. Bei einigen Städten muss ich dir auch absolut recht geben, Utrecht, Den Haag usw. haben eine wunderbare Architektur 🙂 Liebste Grüße <3

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